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Ermittlungsverfahren gegen Hitler?

Wie man sich selbst falsche Fährten legt.

Drei Quellen hat Herr Marzahn genannt, um zu "beweisen", dass Hitler von ausländischen Geldgebern (insbesondere von amerikanischen Juden) finanziert worden sei:

  1. Der sogenannte Warburg-Bericht (eine Fälschung)
  2. Bemerkungen des ehemaligen Reichskanzlers Brüning
  3. Das Abegg-Archiv/die Ermittlungen gegen Hitler

Hier soll es um den letzten Punkt gehen, um die Ermittlungen gegen Hitler und die NSDAP. Die Unterlagen, die dies beweisen, wären angeblich im sogenannten "Abegg-Archiv" zu finden:

Im Auftrag des preussischen Ministerpraesidenten Otto Braun ermittelte der preussische Staatssekretaer Dr. Abegg in Sachen Uebersee-Finanzierung der NSDAP, und ein Stab preussischer Polizeioffiziere arbeitete in dieser Sache fuer Dr. Abegg.

Norbert Marzahn[1]

Als Quelle nennt Norbert Marzahn das Buch "Springers Nazionismus". Von Seite 212 zitiert er eine Notiz von Dr. Abegg:

d) betreffend Gregor Strasser: Mit G. Strasser hatte ich Ende 1932 und Anfang 1933 verschiedene Besprechungen. Er gab zu, dass er mit einem Amerikaner Finanzverhandlungen fuehrte, um das Parteidefizit zu decken.

Springers Nazionismus
zit. n. Marzahn[2]

Hier stoßen wir auf eine Unstimmigkeit, denn auf Seite 243 kann man in "Springers Nazionismus" über Dr. Abegg Folgendes lesen:

(...) 1926-1932 Staatssekretär im Preussischen Innenministerium (...), in dieser Eigenschaft mit den Ermittlungen über Hitlers Finanzierungen beauftragt.

Springers Nazionismus, S. 243

Der preußische Innenminister Severing, der die Ermittlungen angeordnet hatte, wurde im Juli 1932 abgesetzt. Abegg, damals als Staatssekretär der Stellvertreter des Ministers, musste vermutlich zusammen mit Severing den Dienst quittieren. Wie oben zitiert, war er tatsächlich nur bis 1932 im Amt. Abegg kann daher nicht im Rahmen der Ermittlungen gegen Hitler noch im Jahre 1933 mit Strasser Gespräche geführt haben.

Wie dieses Abegg-Archiv in der Schweiz entstanden sein soll, erfährt man in "Springers Nazionismus" auf Seite 243:

Abegg kehrte im März 1933 Deutschland rechtzeitig den Rücken und liess sich in Zürich nieder, nachdem er zuvor einen Grossteil des Hitler belastenden Materials dorthin geschafft hatte.

Springers Nazionismus, S. 243

Im Anschluss daran werden aber nicht etwa die belastenden Dokumente zitiert, sondern der überraschte Leser erfährt, dass die Akten überhaupt nicht mehr existieren:

Hier die Geschichte ihrer Vernichtung in Auszügen aus dem Abegg-Archiv (...)

Springers Nazionismus, S. 245

Es heißt in "Springers Nazionismus", Abegg wäre von den Nazis erpreßt worden, die Akten zu vernichten. Um die Vernichtung der Akten zu dokumentieren, legt der Autor einen Briefentwurf vor, aus dem hervorgeht, dass die Akten unter Aufsicht eines Notars zerstört worden wären:

Erhalten ist der Briefentwurf für Dr. Abegg vom 25. Mai 1933, der die Aktenvernichtung vom 25. Mai 1933 (...) in Gegenwart einer Amtsperson und zweier Zeugen (die Amtsperson war Notar Fischer, Zürich, Talstr., einer der Zeugen war Dr. Brandlin, führendes Mitglied der schweizerischen NSDAP-Parallelorganisation) nach Berlin meldete (...)

Springers Nazionismus, S. 250

Es handelt sich also nicht einmal um einen Brief, dessen Echtheit Absender und Empfänger bestätigen könnten, sondern lediglich um einen Briefentwurf. Aus dem Buch, in dem der Entwurf abgedruckt ist, geht nicht hervor, ob auf der Grundlage dieses Entwurfs tatsächlich ein Brief geschrieben und abgeschickt worden ist. Wahrscheinlich nicht, denn gäbe es den Brief, dann hätte der Autor auf den Brief hingewiesen, statt den Entwurf abzudrucken.

Wenn man diese "Abegg-Unterlagen" in "Springers Nazionismus" liest, fällt im Übrigen auf, dass etwas Wichtiges fehlt: Die Erläuterung nämlich, nach welchen Paragraphen welcher Gesetze Hitler sich mit der angeblichen Auslandsfinanzierung strafbar gemacht hätte. Es fehlt der mühelos zu erbringende Nachweis, dass eine solche Auslandsfinanzierung überhaupt strafbar gewesen wäre.

Abegg, der als Stellvertreter des Innenministers die Untersuchung geleitet hat, müsste die Paragraphen, gegen die Hitler verstoßen haben soll, ohne weiteres nennen können; und falls es solche Paragraphen gibt, wäre es sicher sinnvoll gewesen, den Lesern den Wortlaut dieser Paragraphen mitzuteilen, um deutlich zu machen, welche Vergehen Hitler zur Last gelegt wurden.

Mindestens so sinnvoll wie der Abdruck eines Briefentwurfs über die Vernichtung irgendwelcher Akten.

Fassen wir Norbert Marzahns Beweisführung für die Auslandsfinanzierung der NSDAP zusammen: Es gibt den Abdruck eines Briefentwurfs, aus dem hervorgeht, dass Akten existiert hätten, in denen die Beweise für die Hitler-Finanzierung zu finden wären; außerdem gibt es in "Springers Nazionismus" ein paar Faksimiles, aus denen hervorgeht, dass verschiedene Leute sich an die Existenz gewisser Akten erinnert hätten.

Die Akten selbst liegen als Beweismittel nicht vor. Der Nachweis, dass eine Auslandsfinanzierung überhaupt strafbar gewesen wäre, fehlt ebenfalls. Die Strafbarkeit wird ohne Nachweis als gegeben unterstellt.

Daraus macht Norbert Marzahn dies:

Preussische Polizeioffiziere fuehrten seinerzeit die Ermittlungen gegen Adolf Hitler. Ziel war eine Anklage wegen Hochverrats aufgrund seiner "internationalistischen" Auftraggeber und Finanzierung.

Norbert Marzahn[3]

Es ist erstaunlich, wie sehr sich Norbert Marzahn auf "Springers Nazionismus" stützt. Der weitaus größte Teil des Buches ist nämlich nichts weiter als ein Nachdruck des (gefälschten) "Warburg-Berichts". Die oben erwähnten Dokumente aus dem Abegg-Archiv stehen im Anhang.

Mal ganz abgesehen von allen anderen Einwänden: Wie kommt Herr Marzahn eigentlich dazu, sich weiterhin auf ein Buch zu verlassen, dessen Inhalt nach seiner eigenen Erklärung zu über 90 Prozent aus einem Ablenkungsmanöver besteht? Woher weiß Herr Marzahn, dass der Rest nicht auch eins ist?

Um in diesem Punkt Gewissheit zu bekommen, würde Herr Marzahn zur Absicherung noch weitere, unabhängige Quellen brauchen - aber die hat er offenbar nicht. Denn wenn er sie hätte, würde er nicht mehr "Springers Nazionismus" benutzen, sondern gleich die zuverlässigeren anderen Quellen nennen.

Im Ozean des Ungefähren mögen andere untergehen; verlassen wir lieber dieses verschwörungstheoretische Nimmerland und wenden uns den Tatsachen zu.

Es gab tatsächlich Ermittlungen des preußischen Innenministeriums gegen die NSDAP - allerdings nicht wegen Verdachts auf Finanzierung aus dem Ausland, sondern aus ganz anderen Gründen. Nehmen wir beispielsweise Goebbels, der damals Reichstagsabgeordneter war:

Der Oberreichsanwalt fordert Aufhebung meiner Immunität wegen Hochverrat. Das ist Severings Geschoss.

Goebbels-Tagebuch, 15. Dezember 1929

Vorgeworfen wurden Goebbels "Aufreizung" und "Hochverrat", und der Vorwurf ging auf eine Äußerung von Goebbels in der Zeitung "Angriff" zurück, die vom Amtsgericht Charlottenburg als Aufruf zu Gewalttaten beanstandet wurde. Die Zeitung wurde in ganz Deutschland beschlagnahmt, gegen Goebbels wurde ein Verfahren wegen Vorbereitung zum Hochverrat eingeleitet. (Aktenzeichen: E1J 593.29, LA Berlin, Rep. 58/Nr. 43). Goebbels war damals als Scharfmacher der Partei Stammgast vor Gericht.

Gelegentlich blieben die Maßnahmen der Polizei nicht auf die prominenten Mitglieder der NSDAP beschränkt, sondern haben die gesamte Partei in einer bestimmten Region (etwa Berlin) erfasst:

Severing hat überall Haussuchungen anstellen lassen. Er will anscheinend die S.A. verbieten.

Goebbels-Tagebuch, 17. März 1932

In der Fußnote zu dieser Eintragung schreibt der Herausgeber:

Die preußische Regierung, seit längerem über die zunehmende Hoffähigkeit Hitlers und seines Anhanges besorgt, ließ am 17.3.1932 sämtliche nationalsozialistische Parteigeschäftsstellen polizeilich durchsuchen
(...)
Das Material, das bei der Gelegenheit gefunden wurde, enthielt handfeste Hinweise auf Mobilmachungs- und Putschpläne der SA. Schon lange gehörten die preußischen Innenminister Albert Grzesinski und jetzt Carl Severing zu den Verfechtern energischer Maßnahmen gegen die NSDAP. Bereits im August 1930 wurde eine von der politischen Abteilung (IA) des Berliner Polizeipräsidiums unter dem Polizeivizepräsidenten Bernhard Weiß erarbeitete Denkschrift unter dem Titel "Die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei als staats- und republikfeindliche hochverräterische Verbindung" über das Preußische Staatsministerium des Ministerpräsidenten Otto Braun und das Reichsinnenministerium an Reichskanzler Brüning weitergeleitet, blieb aber ohne Folgen (...)

Goebbels-Tagebuch, Fußnote zum 17. März 1932

Auch hier ist von Hochverrat die Rede, dieses Mal in Zusammenhang mit der Vorbereitung eines Putsches. Allerdings haben sich die Nazis recht sicher gefühlt:

In der Presse lese ich, dass Severing sein Hochverratsmaterial veröffentlicht. Es ist sehr dürftig. Was bis jetzt da aufgezeichnet steht, bedeutet für uns keine Gefahr.

Goebbels-Tagebuch, 5. April 1932

Anlass für die eher halbherzigen Maßnahmen der Polizei war unter anderem ein Aktionsplan hessischer Nationalsozialisten, in dem der Ablauf des Putsches umrissen wurde.

Dieses "Boxheimer Dokument", das nach einem bei Worms gelegenen Gutshof benannt war, auf dem die hochverräterischen Zusammenkünfte der Hitlerleute stattgefunden hatten, sah die Übernahme der Macht durch die SA und verwandte Organisationen vor (...)

Fest, Hitler, S. 434

Hitler hat sich verbal von diesen Putschplänen distanziert, jedoch keine parteiinternen Disziplinarmaßnahmen gegen die Verschwörer ergriffen. Eigentlich hätte er als Führer der NSDAP ebenfalls in die Schusslinie geraten müssen, doch ihm ist nichts passiert.

Die Bekanntgabe der Boxheimer Pläne blieb ohne Folgen. Es wirft ein bezeichnendes Licht auf den nun von allen Seiten einsetzenden rapiden Loyalitätsverfall, dass nicht nur Bürokratie und Justiz die Verfolgung der schwerwiegenden Hochverratssache offensichtlich verschleppten, sondern auch die politischen Instanzen den Vorfall achselzuckend und resigniert abtaten und die Gelegenheit verstreichen ließen, ihn zum Ausgangspunkt einer durchgreifenden Aktion in letzter Stunde zu machen.
Statt Hitler angesichts des durchaus hinreichenden Belastungsmaterials zu verhaften und ihm den Prozess zu machen, hielten sie vielmehr an ihrer Verhandlungsbereitschaft fest und verstärkten sogar, von seinen Drohungen beunruhigt, ihre Bemühungen noch (...)
Der preußische Innenminister Severing verzichtete jedenfalls im Dezember 1931 auf den Plan, Hitler aus einer Pressekonferenz im Hotel Kaiserhof heraus polizeilich festzunehmen und aus Preußen ausweisen zu lassen.

Fest, Hitler, S. 435f

Severing hatte gegen die NSDAP und gegen Hitler belastendes Material in der Hand, das ein Verfahren wegen Hochverrats gerechtfertigt hätte, doch hatte dieses Material nichts mit der Finanzierung der Partei, sondern mit der Vorbereitung eines Putsches zu tun.

In Werner Masers Buch Adolf Hitler finden sich auf Seite 444 ähnliche Hinweise. Maser spricht dort von Versuchen, Hitler "wegen Bedrohung und Störung der öffentlichen Ordnung" aus Deutschland ausweisen zu lassen, doch seien diese Versuche erfolglos geblieben. Auch hier geht es eindeutig nicht um die Finanzierung der NSDAP.

In einer Fußnote erläutert Maser, dass Severing als der zuständige Minister gegen Hitler vorgegangen sei. Die Beamten bzw. der Minister

(...) ließen Untersuchungen anstellen, wieweit sich Hitler und seine Unterführer der NSDAP gegen das Gesetz vergangen hätten. Die von dem Justitiar der Polizeiabteilung des Preußischen Innenministeriums Dr. Robert M.W. Kempner, dem späteren Min.-Rat Dr. Schoch und Dr. Johannes Stumm (...) vorgenommenen Untersuchungen, die sowohl an das Reichsjustizministerium als auch an das Reichsinnenministerium weitergeleitet wurden, ergaben, dass sowohl Hitler als auch einige seiner Unterführer wegen begangener strafbarer Handlungen verfolgt werden müssten.

Maser, Adolf Hitler, S. 444

Hier wird eben jenes Innenministerium erwähnt, in dem Abegg als Severings Staatssekretär tätig war. Mit der Verfolgung strafbarer Handlungen sind genau jene preußischen Ermittlungen gemeint, die Norbert Marzahn in einen falschen Zusammenhang stellt, um die Hitler-Finanzierung durch amerikanische Juden zu belegen.

Anlass für die der Ermittlungen gegen Hitler waren nicht die Finanzen der NSDAP, sondern unter anderem die Vorbereitung eines Putsches.






Quellen:

  1. From: normarz@aol.com (Normarz)
    Subject: Das 3. Reich (3)
    Date: 4 Jan 1998
    Message-ID: <19980104204000.PAA29820@ladder01.news.aol.com>
  2. From: normarz@aol.com (Normarz)
    Subject: Preussen und Hitler (1)
    Date: 25 Dec 1997
    Message-ID: <19971225201500.PAA24492@ladder02.news.aol.com>
  3. From: normarz@aol.com (Normarz)
    Subject: Re: Fuer wen arbeitet Daeniken?
    Date: 10 Feb 1998
    Message-ID: <19980210213901.QAA18949@ladder03.news.aol.com>

Die Finanzierung der Nationalsozialisten

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© Jürgen Langowski 2017