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Brünings Andeutungen über die Finanzierung der NSDAP

und Marzahns Wahrheiten: "... genau der richtige Kanditat[!] ..."

Drei Quellen hat der Holocaust-Leugner Marzahn genannt, um zu "beweisen", dass Hitler von ausländischen Geldgebern (insbesondere von amerikanischen Juden) finanziert worden sei:

  1. Der sogenannte Warburg-Bericht (eine Fälschung)
  2. Bemerkungen des ehemaligen Reichskanzlers Brüning
  3. Das Abegg-Archiv/die Ermittlungen gegen Hitler

Hier soll es um Brünings Äußerungen gehen, die Herr Marzahn einsetzen wollte, um die angebliche Hitler-Finanzierung durch amerikanische Juden zu "beweisen". Herr Marzahn hat das folgendermaßen dargestellt:

Materialwiedergabe (eigene Worte in Kursivschrift (natuerlich nicht im Internet, daher ON und OFF bei Wiedergabe)):

Ein Brief des ehemaligen Reichskanzlers Heinrich Bruening, den die "Deutsche Rundschau" im Juli 1947, Heft 7, veroeffentlichte:

ON"Wir begruessen mit besonderer Freude, dass wir den Brief des frueheren Reichskanzlers Dr. Heinrich Bruening in der Deutschen Rundschau zum Abdruck bringen koennen ...
Gluecklicherweise waren Hindenburgs ausserverfassungsmaessige Berater unter sich geteilt. Eine Gruppe zielte auf eine Regierung ohne Nazipartei, gleich der spaeter unter Herrn von Papen eingesetzten, die diktatorisch vorgehen und die politischen Parteien aufloesen sollte. Andere wollten eine neue Regierung haben, die die Nazis einschliessen sollte. Die letztere Gruppe hatte unter ihren Mitgliedern eine Anzahl von Bankiers, die einen besonderen, indirekten Druck auf den Praesidenten nach seiner Rueckkehr nach Berlin ausuebten. Zum mindesten einer von ihnen hatte, wie man wusste, seit Oktober 1928 grosszuegig die Fonds der Nazis und der Parteien der Nationalisten mit Geld unterstuetzt. Er starb, kurz nachdem die Nazis an die Macht gekommen waren. Das Finanzieren der Nazipartei, teilweise von Menschen, von denen man es am wenigsten erwartet haette, dass sie sie unterstuetzen wuerden, ist ein Kapitel fuer sich. Ich habe niemals oeffentlich darueber gesprochen, aber im Interesse Deutschlands koennte es notwendig werden, es zu tun und aufzudecken, wie dieselben Bankiers im Herbst 1930 den Botschafter Sacket (USA) gegen meine Regierung zu Gunsten der Nazipartei zu beeinflussen suchten."OFF

Norbert Marzahn[1]
Franz von Papen
Franz von Papen

Auf der Grundlage dieses Zitats behauptet Norbert Marzahn, der in Deutschland geborene Otto Kahn, der zuerst nach London und später in die USA ging, wo er die amerikanische Staatsbürgerschaft annahm, sei der Bankier, der Hitler finanziert habe.

Da Brüning aber den Namen des betreffenden Bankiers nicht nennt, wäre die Debatte eigentlich an dieser Stelle bereits beendet. Denn um die Hitler-Finanzierung durch Kahn unwiderlegbar nachzuweisen, müsste Herr Marzahn Dokumente vorlegen, aus denen hervorgeht, welche Zahlungen zu welchem Zeitpunkt von Kahn an Hitler geflossen sind. Diese Dokumente wären für sich genommen jedoch schon so überzeugend, dass man auf das nichtssagende Brüning-Zitat verzichten könnte.

Selbstverständlich hat Herr Marzahn keine solchen Dokumente, sondern eben nur dieses Zitat von Brüning; und da Brüning den Namen des betreffenden Bankiers nicht nennt, muss Herr Marzahn die fehlenden Fakten durch das ersetzen, was er "Logik" nennt. Seine Logik sagt ihm nun, dass niemand anders als Otto Kahn der Bankier wäre, den Brüning gemeint habe.

Aus dem, was Herr Marzahn zu diesem Thema vorgelegt hat, lässt sich allerdings folgern, dass Otto Kahn mit Sicherheit nicht der Bankier ist, den Brüning gemeint hat.

Gehen wir der Reihe nach vor. Ein Indiz, das Herr Marzahn für seine Schlußfolgerung anbietet, ist das Todesdatum. Brüning sagt, der betreffende Bankier sei kurz nach der Machtergreifung gestorben. Otto Kahn ist 1934 gestorben, das Todesdatum würde also passen.

Eine kurze, zugegebenermaßen stark vergröbernde Überlegung zeigt aber, dass dieses Indiz nicht brauchbar ist. 1930 haben etwa zwei Milliarden Menschen auf der Erde gelebt. Bei einer durchschnittlichen Lebenserwartung von 50 Jahren ist jedes Jahr ein Fünfzigstel der Weltbevölkerung eines natürlichen Todes gestorben, also vierzig Millionen Menschen. Unter diesen vierzig Millionen verstorbenen Menschen dürfte Jahr für Jahr eine ganz ansehnliche Zahl von Bankiers gewesen sein.

Selbst wenn meine Annahmen nicht völlig zutreffen, und die Lebenserwartung lag bei 40 oder bei 60 Jahren, oder die Weltbevölkerung war um einige hundert Millionen größer oder kleiner als oben angenommen, so ändert dies doch nichts an Folgendem: Auch 1934 müssen, wie in jedem anderen Jahr, einige hundert oder sogar einige tausend Bankiers gestorben sein.

Wie Herr Marzahn unter diesen Hunderten oder gar Tausenden Bankiers ausgerechnet Otto Kahn als denjenigen dingfest machen will, den Brüning gemeint haben soll, ist nicht nachvollziehbar. Um unter diesen vielen, anhand des Todesjahres in Frage kommenden Bankiers einen einzigen herauszufiltern, müsste man Beweismittel haben, die eindeutig auf diesen einen und nur auf diesen einen schließen lassen. Wie bereits gesagt, hat Herr Marzahn solche Beweise nicht.

Hilfsweise hat Herr Marzahn behauptet, die gesuchten Hitler-Finanziers wären (wie Brüning schreibt) Menschen gewesen, "von denen man es am wenigsten erwartet haette", und damit müssten wegen Hitlers Feindschaft gegen Juden doch wohl jüdische Bankiers gemeint gewesen sein; an erster Stelle eben Otto Kahn.

Auch dies ist eine Spekulation, die Herr Marzahn nicht durch Fakten abstützen kann. Der Haken dabei ist im Übrigen, dass Herr Marzahn hier von dem ausgeht, was uns heute über Hitler bekannt ist. Brüning konnte damals aber noch nicht wissen, wie weit Hitler in seiner Feindschaft gegen Juden letzten Endes gehen würde.

Die Suche nach denjenigen, von denen man am wenigsten erwarten würde, dass sie Hitler unterstützen, führt bei genauer Betrachtung des verfügbaren Materials in eine ganz andere Richtung.

Werfen wir einen Blick in Brünings Memoiren. Er schreibt dort:

Der Deutschnationale Handlungsgehilfenverband tat noch ein übriges. Er hatte durch seine Versicherungsunternehmungen zuerst den Stahlhelm und später die NSDAP, was ich nicht sofort erfuhr, finanziell gerettet.

Heinrich Brüning, Memoiren 1918-1934, S. 675f

Vergleicht man diese Bemerkung mit dem ersten, von Herrn Marzahn vorgestellten Zitat, dann wird sofort deutlich, dass die gleichen Leute gemeint sind. Oben heißt es, der betreffende Bankier hätte "seit Oktober 1928 grosszuegig die Fonds der Nazis und der Parteien der Nationalisten mit Geld unterstuetzt", im Zitat aus Brünings Memoiren werden die NSDAP und der Stahlhelm genannt. Stahlhelm und Deutschnationale Volkspartei waren nationalistische Gruppierungen.

Heinrich Brüning
Heinrich Brüning

1931 haben der Stahlhelm und die DNVP versucht, die NSDAP zu "zähmen" und in ein Bündnis einzubinden, das unter dem Namen "Harzburger Front" bekannt geworden ist. Auf dieses Bündnis spielt Brüning mit der Bemerkung an, Hindenburgs "außerverfassungsmäßige Berater" wären in zwei Lager gespalten gewesen: Eine Gruppe wollte eine Regierung ohne Hitler, die zweite Gruppe wollte Hitler einbinden und dadurch unter Kontrolle halten.

Zu dieser zweiten Gruppe, schreibt Brüning, habe jener Bankier gehört, der Hitler schließlich unterstützt hat.

Anscheinend war aber Hitler nicht so ohne weiteres bereit, sich von den Deutschnationalen "zähmen" zu lassen, denn bei einem Aufmarsch der verbündeten Organisationen hat Hitler den Stahlhelm brüskiert. Hitler blieb

(...) während des Vorbeimarsches der SA stehen und verließ dann, bevor der Stahlhelm vorbeimarschierte, demonstrativ seinen Platz, nachdem er dessen Einheiten 25 Minuten hatte warten lassen. Hitler lehnte auch die Teilnahme am gemeinsamen Mittagessen der nationalistischen Führer ab. Er könne seinen Widerwillen gegen solche Mahlzeiten nicht unterdrücken (...)

I. Kershaw, Hitler 1889-1936, S. 448

Die Tatsache, dass Hitler den Stahlhelm brüskiert hat, ist in diesem Zusammenhang von Bedeutung, weil der Ehrenpräsident dieses Verbandes in Zusammenhang mit Hitlers Machtergreifung eine wichtige Rolle gespielt hat: Es war niemand anders als der greise Reichspräsident Hindenburg, der sich lange und vehement gegen Hitlers Ernennung zum Reichskanzler gesträubt hat.

Die Frage, von wem man denn am allerwenigsten erwarten könne, dass er Hitler unterstützt, kann ohne weiteres auch folgendermaßen beantwortet werden: Es waren dies natürlich deutschnationale Bankiers, die auf Hindenburgs Seite standen, die Hindenburgs Stahlhelm unterstützt haben, die in den Nazis eine Konkurrenz zu ihren eigenen nationalistischen Gruppen sahen und die wie Hindenburg über Hitlers Verhalten empört gewesen sein müssen.

Ein rundherum abgesicherter Beweis ist dies natürlich nicht, und im Gegensatz zu Norbert Marzahn bin ich nicht in der Lage, Namen zu nennen und mit absoluter Gewissheit zu sagen: Diese Leute waren es, die Hitler finanziert haben. Die Sicherheit, die Norbert Marzahn nacheinander bei den Rothschilds, den Rockefellers, Schroeder, den Warburgs und Otto Kahn an den Tag gelegt hat, habe ich hier also nicht. Aber meine Ausführungen sollten deutlich gemacht haben, dass es, wenn man schon spekuliert und Mutmaßungen anstellt, erheblich plausiblere Schlussfolgerungen gibt als das, was Norbert Marzahn präsentiert hat.

Zum Abschluss noch eine weitere Überlegung, die außerdem den Vorteil hat, dass sie sich ausschließlich auf Herrn Marzahns eigene Quellen und Behauptungen stützt.

Otto Kahn
Otto Kahn

An anderer Stelle hat Herr Marzahn verbreitet, gegen Hitler sei in Zusammenhang mit der Auslandsfinanzierung wegen Hochverrat ermittelt worden; dies sei im Abegg-Archiv dokumentiert. Der betreffende Finanzier, behauptet Herr Marzahn weiter, sei Otto Kahn gewesen.

Otto Kahn muss demnach mindestens Beihilfe zum Hochverrat geleistet oder selbst einen Hochverrat begangen haben. Aus Brünings Äußerung, die Herr Marzahn selbst vorgestellt hat, geht allerdings hervor, dass der betreffende Bankier zu Hindenburgs außerverfassungsmäßigen Beratern gehört hat.

Mit den außerverfassungsmäßigen Beratern sind Leute gemeint, die jederzeit Zugang zum Präsidenten hatten und die viele Entscheidungen des Präsidenten beeinflusst haben, obwohl dieser Einfluss in der Weimarer Verfassung nicht vorgesehen war. An erster Stelle wollte Brüning hier in leicht ironisierender Weise sicher auf den Sohn des Präsidenten, Oskar von Hindenburg, anspielen. Dieser nicht verfassungsgemäße Präsidentensohn und einige andere Leute (die sogenannte "Palast-Kamarilla") haben immer wieder versucht, den Präsidenten in ihrem Sinne zu beeinflussen.

Wie Brüning uns sagt (siehe oben), soll zu dieser Gruppe jener Bankier gehört haben, der Hitler finanziert hätte. Daher ist aus folgenden Gründen mit Sicherheit auszuschließen, dass es sich bei dem betreffenden Bankier um Otto Kahn gehandelt hat:

  1. Otto Kahn war amerikanischer Staatsbürger und hat in den USA gelebt, hatte also schon aus geographischen Gründen nicht jederzeit Zugang zu Hindenburg. Der Bankier, den Brüning erwähnt, hat diesen Zugang aber gehabt.
  2. Es ist kaum vorstellbar, dass der äußerst nationalistische und patriotische Hindenburg als Berater einen Bankier gewählt haben soll, der Amerikaner war - also einen Mann, der Staatsbürger einer Siegermacht von Versailles und aus Hindenburgs Sicht ein zumindest potentieller Feind Deutschlands war.
  3. Otto Kahn war - so behauptet Herr Marzahn - zusammen mit Hitler an einem Hochverrat beteiligt. Otto Kahn hätte also einerseits gemeinsam mit Hitler einen Hochverrat begangen, woraufhin gegen Hitler ermittelt wurde (so stellt Herr Marzahn es dar), wäre aber andererseits unbehelligt in Berlin herumspaziert, hätte jederzeit Zugang zum Präsidenten Hindenburg gehabt und wäre sogar in der Lage gewesen, den Präsidenten unter Druck zu setzen, wie es aus Brünings Bemerkung hervorgeht.

Dieses Szenario ist derart absurd und widersprüchlich, dass sich eine Schlussfolgerung, die alle diese Widersprüche auf einen Schlag auflöst, förmlich aufdrängt: Otto Kahn kann nicht der Bankier gewesen sein, den Brüning gemeint hat.

Herr Marzahn wird sich diese Schlussfolgerung allerdings nicht zu eigen machen, denn er kann über Otto Kahn etwas sagen, das er über die deutschnationale "Palast-Kamarilla" nicht sagen kann:

Kahn hatte das Judentum offiziell verlassen, ohne dass er deshalb Aerger bekam. Das deutet auf ein strategisches Ausscheiden hin, das nicht viel Laerm machen sollte. Der Name Kahn deutet die Moeglichkeit einer Zugehoerigkeit zum Priestergeschlecht Kohn an. Wenn dieser Otto Kahn derselbe Otto Kahn war, der 1918 die antipreussische Hetzschrift "The Poison Growth of Prussianism" verfasste, dann ist er genau der richtige Kanditat zur Finanzierung des trojanischen Pferdes Hitler.

Norbert Marzahn[2]

Wir sehen hier die nationalsozialistische Rassenlehre durchscheinen: Jude bleibt Jude, auch wenn er getauft ist - und wenn so einer den jüdischen Glauben aufgibt, dann sicher nicht aus innerer Überzeugung, sondern nur, um seine wahren, finsteren Absichten zu vertuschen. Bei Herrn Marzahn sind, wie bei Hitler, die Schurken immer Juden - und sie bleiben auch dann noch Juden, wenn sie der jüdischen Glaubensgemeinschaft längst nicht mehr angehören.

Im Übrigen konterkariert Herr Marzahn mit der gerade zitierten Behauptung ein weiteres Mal seine eigene Argumentation. Wenn Otto Kahn tatsächlich eine "antipreußische Hetzschrift" verfasst hat, dann kann er keinen direkten Zugang zu Hindenburg gehabt haben, denn so einen Mann hätte der patriotische Reichspräsident - wie oben schon gesagt - sicherlich nicht in seiner Nähe geduldet.

Herr Marzahn ignoriert hartnäckig die Widersprüche, die sich aus seinen eigenen Beiträgen ergeben. Er kommt trotz aller Ungereimtheiten immer wieder auf die Behauptung zurück, Juden hätten Hitler finanziert. In Wirklichkeit konnte Hitler jedoch nur dank der Unterstützung der Deutschnationalen und der Zentrumsabgeordneten zum Diktator werden.

Offenbar ist hier der Glaube, dass immer und unter allen Umständen Juden die Übeltäter seien, das Primäre. Historische Fakten werden ignoriert oder manipuliert, bis sie diesem Glauben entsprechen.

Handlungsleitend ist für Herrn Marzahn nicht die Suche nach überzeugenden Beweisen, sondern der Wunsch, Juden (die er manchmal Leviten nennt) als Inbegriff des Bösen darzustellen.





Quellen:

  1. From: normarz@aol.com (Normarz)
    Subject: Preussen und Hitler (1)
    Date: 25 Dec 1997
    Message-ID: <19971225201500.PAA24492@ladder02.news.aol.com>
  2. From: n.marzahn@BBrandes.in-brb.de (Norbert Marzahn)
    Subject: Re: Otto Kahn
    Date: Mon, 11 May 98
    Message-ID: <6td61zmZ-ZB@nm01.bbrandes.in-brb.de>

Die Finanzierung der Nationalsozialisten

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© Jürgen Langowski 2017