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Waren die Nazis Sozialisten?

"Aber natuerlich waren die Nationalsozialisten Sozialisten, was denn sonst?"

Die im Untertitel zitierte Behauptung hat Herr Marzahn in mehreren Diskussionen im Usenet in dieser oder leicht veränderter Form vorgetragen. Eine Betrachtung der historischen Zusammenhänge ist in einem anderen Artikel zu finden.

Hier soll es um die Argumente gehen, die Herr Marzahn benutzt hat, um seine Behauptung zu stützen. Es war, um dies vorwegzunehmen, eine bunte Palette von manchmal ausgesprochen skurrilen Ideen, die jedoch allesamt nicht geeignet waren, seiner Behauptung Substanz zu verleihen.

Im Einzelnen hat er folgendes angeführt:

1. Vermeintliche Ähnlichkeiten zwischen "linkem" und "rechtem" Sozialismus

Es ist absurd, ueber diese offensichtlichen Aehnlichkeiten diskutieren zu wollen. Wenn Du keine Aehnlichkeiten siehst, dann siehst Du sie halt nicht. Ich nehme ja ohnehin an, dass Du sie nicht sehen sollst und die Fiktion eines bedeutenden Unterschiedes aufrecht erhalten sollst. Und weil ich das annehme, ist eine Besprechung ueberfluessig. Einige Aspekte sind "Kindergreif", Staatskult, Medienverwendung, Feindbildpflege, Idolpflege, Bespitzelung, lockere Einstellung zum Toeten, ideologischer Superdrill unter Ausschaltung konkurrierenden Denkens, KL/Gulag.

Norbert Marzahn[1]

Gehen wir das Punkt für Punkt durch:

"Kindergreif"
Dies ist die Behauptung, man könne den Sozialismus daran erkennen, dass er sich möglichst früh die Kinder schnappt und beeinflusst. Das macht freilich jede weltanschauliche Gruppe - auch die katholische Kirche, die demnach eine sozialistische Organisation sein muss.
"Staatskult"
Es gab mal einen Herrscher, der sich mit dem Staat oder den Staat mit sich selbst identifiziert hat. Dies mündete in dem Satz "L'état, c'est moi", der Staat bin ich. Offenbar war der "Sonnenkönig" ein Frühsozialist, der den Sozialismus gepredigt hat, bevor diese Ideologie überhaupt entstanden ist.
"Medienverwendung"
Herr Marzahn meint hier vermutlich: Verwendung der Medien zur Propaganda. Es ist natürlich richtig, dass die Nazis genau wie die sowjetischen Anführer Propaganda betrieben haben. Allerdings haben die Alliierten während des Krieges ebenfalls Propaganda betrieben. Demnach müssen die Amerikaner, Franzosen, Briten, Kanadier und die vielen anderen, die auch mit propagandistischen Mitteln gegen Deutschland gekämpft haben, Vertreter sozialistischer Staaten gewesen sein.
"Feindbildpflege"
Der amerikanische Senator McCarthy hatte in den fünfziger Jahren ein klares Feindbild: Alles, was in seinen Augen links war, galt als unamerikanisch und musste bekämpft werden. Demnach war McCarthy ein Sozialist, weil er bei der Jagd auf Sozialisten und Kommunisten ein klares Feindbild gepflegt hat.
"Idolpflege"
Aber sicher doch: Elvis lebt, und seine Fans sind Sozialisten. Oder meint Herr Marzahn politische Idole? Es gibt einen regelrechten Kult um König Ludwig II. von Bayern, und wer den Bayernkönig verehrt, muss natürlich ein Sozialist sein - genauso wie die Anhänger Francos oder des japanischen Herrscherhauses.
"Bespitzelung"
Der chilenische Diktator Pinochet hat wie jeder andere Diktator seine Gewaltherrschaft nicht zuletzt durch Bespitzelung der Bevölkerung aufrecht erhalten. War Pinochet, der gegen den Sozialisten Allende geputscht hat, ein Sozialist?
"lockere Einstellung zum Töten"
Endlich wissen wir es: Jack the Ripper war Sozialist.
"ideologischer Superdrill unter Ausschaltung konkurrierenden Denkens"
Das gibt es auch bei Scientology. Die Geldgier dieser Leute ist sicher nur Tarnung - in Wirklichkeit sind sie Sozialisten. Die katholische Kirche hat Ketzer umgebracht, also waren die Päpste damals Sozialisten.
"KL/Gulag"
Pinochet hat Fußballstadien als Konzentrationslager benutzt. Daher war er ein Sozialist.

Wie man sieht, kann man alle Punkte, die Herr Marzahn genannt hat, ohne weiteres mit Personen, Systemen und Ideologien in Verbindung bringen, die ganz sicher nicht sozialistisch genannt werden dürfen. Deshalb sind diese Attribute nicht geeignet, einen Staat als sozialistisches System zu identifizieren.

2. Die "internationalistischen" Nazis

Die erste sich nationalsozialistisch nennende Partei entstand dann um 1900 in der Tschechoslowakei. Es war eigentlich ein Internationalsozialismus einer Truppe, die ueberlall auf national machte, die aber mit Anti-Bewusstsein und ohne echtes und umfassendes Wir-Gefuehl.

Norbert Marzahn[2]

Dies unterstellt eine Identität ("Internationalsozialismus einer Truppe"), die Herr Marzahn nicht nachgewiesen hat.

Aus der Behauptung, es hätte irgendwo auf der Welt eine nationalsozialistische Gruppierung gegeben, kann man jedenfalls nicht ableiten, dass die Nazis die Absicht hatten, eine internationalistische Bewegung aufzubauen. Herr Marzahn versucht hier ganz einfach, eine Parallele zur "Kommunistischen Internationale" zu konstruieren, obwohl es keine gibt.

Kommunismus und Sozialismus haben tatsächlich den Anspruch, sich nach Möglichkeit weltweit auszubreiten, da in diesen Ideologien die Unterdrückung der Arbeiterklasse als weltweites und nicht als nationales Problem gesehen wird. Die deutschen Nazis hatten jedoch überhaupt nicht die Absicht, ihre Ideologie zu verbreiten:

Hitler wünschte keinen Export des deutschen Nationalsozialismus. Er stand da in krassem Gegensatz zu Lenin, der den Kommunismus entsprechend den Lehren von Karl Marx und Friedrich Engels internationalisieren wollte (Komintern - Kommunistische Internationale).

3. Der "nationalistische" Ostblock

Im Uebrigen konnte sich der "linke" Sozialismus in DDR und UdSSR auch ausgesprochen national geben.

Norbert Marzahn[3]

Um das Bild abzurunden, hat Herr Marzahn die Sache einfach umgedreht und den vermeintlichen Nationalismus der DDR und der UdSSR heranzogen. Sein Argument wäre hier also: Die Nazis waren Sozialisten, weil die Sozialisten nationalistisch waren. Aber andererseits, nicht lange davor:

Sozialismus ist aber niemals national.

Norbert Marzahn[4]

Herrn Marzahn mag das einleuchten, mir nicht.

4. Aber der Name, der Name!

Witzbold. Erstmal nannten sie sich ja Sozialisten (...)

Norbert Marzahn[5]

Das hat Herr Kuehnelt-Leddihn auch schon versucht. Aus der Tatsache, dass die Nazis sich Nationalsozialisten genannt haben, darf man aber nicht einfach schließen, dass sie auch wirklich Sozialisten waren. Die DDR hat sich als "demokratische Republik" bezeichnet; würde Herr Marzahn aus dieser Bezeichnung schließen, dass die DDR eine Demokratie war?

Ich habe Herrn Marzahn diese Frage am 26.2.1998 in einem Artikel mit der Message-ID <35063684.7720723@personalnews.germany.eu.net> gestellt. Er hat zwar auf diesen Artikel ein Follow-up geschrieben, meine Frage jedoch sorgfältig weggeschnitten. Beantwortet hat er sie bis heute nicht.

5. Und die gemeinsamen Wurzeln!

Das haengt eben auch damit zusammen, dass die spaeter schwer feindlichen Sozialismen einen Ursprung hatten, dies im zunaechst gemeinsam wirkenden Trio Moses Mordecai Marx Levi, der als Karl Marx beruehmt wurde und "links" begruendete, Friedrich Engels, der "Objektive Dialektiker", und Moses Heß, der den nationalen (spaeter "rechten") Sozialismus begruendete - und den ebenfalls sich stramm national gebenden Zionismus.

Norbert Marzahn[6]

Die Verbindung zwischen dem "sich stramm national gebenden Zionismus" und den Nazis stellt Norbert Marzahn an anderer Stelle her, indem er behauptet, Zionisten hätten ganz Deutschland oder zumindest doch die Nazis gekauft, und Hitler sei ihr Befehlsempfänger gewesen.

Hier fügen sich die Phantasien über die angebliche Finanzierung der Nazis durch amerikanische Juden nahtlos ins antisemitische Weltbild ein. Um das Bild zu vervollständigen, spekuliert Herr Marzahn zusätzlich noch über eine enge, womöglich sogar verwandschaftliche Beziehung zwischen Moses Hess und Rudolf Heß, dem Stellvertreter des Führers. Herr Marzahn unterschlägt die unterschiedliche Schreibweise und sagt:

Mit Johann Jakob Hess, Moses Hess und Rudolf Hess ergibt sich uebrigens eine interessante Linie, die einen Klan vermuten laesst. Leider konnte selbst ein befreundeter Student kein Material zur Verwandtschaftserforschung finden, aber geistig ist der Zusammenhang eindeutig: Johann Jakob steht fuer den Traum vom III. Reich, Moses fuer den Plan und Rudolf fuer den Vollzug. Dies und die gemeinsamen Nachnamen lassen einen Klan vermuten, von denen es mehrere gibt, denn die entscheidenden Funktionen befinden sich ja immer noch in Stammeshaenden und Staemme bestehen aus Klans.

Norbert Marzahn[7]

Dokumente, die eine Verbindung zwischen Heß und Hess belegen, hat Herr Marzahn nicht anzubieten. Er unterstellt einfach, dass diese Verbindung existiert. Als Begründung für die Behauptung, die Nazis wären Sozialisten gewesen, ist eine solche Herleitung allerdings ein bisschen dünn.

Die Zusammenhänge, die Herr Marzahn in seinen Usenet-Artikeln herstellt (Satanismus-Levitentum-Sozialismus), erinnern mitunter sehr an die alte rechtsextremistische Legende von der jüdisch-bolschewistischen Weltverschwörung: Das Wort "Sozialismus" steht für den Bolschewismus, das Levitentum ist ein Platzhalter für das Judentum, und dass er die Juden (oder Leviten) für die Anhänger oder Kinder des Teufels hält, hat Herr Marzahn mehr als einmal deutlich gemacht.

Es ist sicher kein Zufall, dass Herr Marzahn manche Leute, die ihm widersprechen, "Sozialisten" nennt - man fühlt sich sehr an den Ruf "Du Bolschewist!" erinnert, den man manchmal von aufgebrachten Rechtsextremisten zu hören bekommt, wenn man es wagt, ihnen zu erklären, dass Hitler doch kein so patenter Kerl war, wie sie es behaupten.

Ein Unterschied besteht sicherlich darin, dass Herr Marzahn Hitler als Satanisten bezeichnet. Doch ist dies nicht mehr als ein Bauernopfer, denn indem Herr Marzahn behauptet, Hitler wäre von Juden finanziert worden, kommen Juden doch wieder als Drahtzieher, Verschwörer und Manipulatoren ins Spiel. Sie hätten, darauf läuft es hinaus, sogar noch ihren eigenen Untergang bei Hitler "bestellt" und finanziert, und damit wären Juden und nicht etwa Deutsche die wahren Verantwortlichen für Krieg und Massenmord.

So greift Herr Marzahn scheinbar Hitler an und setzt sich oberflächlich von den Neonazis ab, während er in Wirklichkeit nach wie vor antisemitische Stereotypen aus der rechtsextremistischen Szene transportiert, die er nur kosmetisch verändert hat und etwas geschickter einsetzt als die hirn- und haarlosen Vertreter aus dieser politischen Ecke.

Sieht man sich an, wie fadenscheinig seine Argumente sind, dann könnte gar der Verdacht aufkommen, dass Herr Marzahn überhaupt nicht die Absicht hat, mit Thesen wie der Behauptung, die Nazis wären Sozialisten gewesen, wirklich einen Stich zu machen. Es ist denkbar, dass ihm der Kontext viel wichtiger ist, der in solchen Diskussionen von Dutzenden Leuten in zahllosen Artikeln mitgeschleppt wird, weil er fürs Verständnis notwendig ist. Ich meine damit Kontext wie diesen:

Marx, Engels und Moses Hess waren "juedisch", was genauer levitisch heissen sollte (zur Unterscheidung von den Juden, die deren Opfer wurden). In diesem levitischen Sinne war ja auch die gesamte NSDAP-Elite juedisch.

Norbert Marzahn[8]

Herr Marzahn weist in allen möglichen Zusammenhängen immer wieder darauf hin, dass dieser oder jener Übeltäter Jude oder jüdischer Abstammung gewesen sei[9], während die Hinweise auf die Religion bei Nichtjuden konsequent unterbleiben. Dies legt in der Tat den Verdacht nahe, dass es ihm nicht so sehr darauf ankommt, mit bestimmten politischen Thesen recht zu behalten, sondern viel eher darauf, in den Kontext der oft über Monate anhaltenden Debatten immer wieder Hinweise einzustreuen, mit deren Hilfe ein negatives Bild von Juden gezeichnet werden soll.

Man könnte daraus folgern, dass viele Diskussionen nicht etwa deshalb stattfinden, weil Herr Marzahn am betreffenden Thema interessiert ist, sondern weil aus seiner Sicht das Thema die Möglichkeit bietet, Juden anzuschwärzen.

Schließen wir diese Betrachtung, wie es dem Anlass entspricht, mit einer kleinen Übung in dialektischem Denken ab: Aus These und Antithese soll die Synthese entwickelt werden.

Die These:

Viele setzen aber national = Hitler. Dabei war Hitler Sozialist und vollkommen antinational, er war ein Landesverraeter.

Norbert Marzahn[10]

Die Antithese:

Hitler selbst war auch kein Sozialist.

Norbert Marzahn[11]

Die Synthese: Herr Marzahn hat jedenfalls recht. So oder so.





Quellen:

  1. From: n.marzahn@BBrandes.in-brb.de (Norbert Marzahn)
    Subject: Re: Verschwoerung - Fakten
    Date: Mon, 18 May 98
    Message-ID: <6u4H51go-ZB@nm01.bbrandes.in-brb.de>
  2. From: n.marzahn@vision.in-brb.de (Norbert Marzahn)
    Subject: Re: Bormann today
    Date: 23 Jul 1998
    Message-ID: <6yPrifNabXB@nm01.vision.IN-BRB.DE>
  3. From: n.marzahn@BBrandes.in-brb.de (Norbert Marzahn)
    Subject: Re: Verschwoerung - Fakten
    Date: Thu, 14 May 98
    Message-ID: <6tpB19fZ-ZB@nm01.bbrandes.in-brb.de>
  4. From: normarz@aol.com (Normarz)
    Subject: Re: Der "5-Millionen Verlust" (was: Re: Die Massenmörder)
    Date: 11 Mar 1998
    Message-ID: <19980311201200.PAA24065@ladder02.news.aol.com>
  5. From: normarz@aol.com (Normarz)
    Subject: Re: Deutschland nicht voellig antinational
    Date: 25 Feb 1998
    Message-ID: <19980225235500.SAA13366@ladder02.news.aol.com>
  6. From: n.marzahn@vision.in-brb.de (Norbert Marzahn)
    Subject: Re: NS-Morden und Propaganda
    Date: 20 Jul 1998
    Message-ID: <6yHmjVB5bXB@nm01.vision.IN-BRB.DE>
  7. From: normarz@aol.com (Normarz)
    Subject: Dialektik (1)
    Date: 1 Jan 1998
    Message-ID: <19980101173900.MAA21686@ladder02.news.aol.com>
  8. From: normarz@aol.com (Normarz)
    Subject: Re: PDS = NSDAP
    Date: 1 Jan 1998
    Message-ID: <19980101123200.HAA27520@ladder02.news.aol.com>
  9. siehe auch: Hatte Hitler jüdische Vorfahren?
  10. From: normarz@aol.com (Normarz)
    Subject: Re: Nieder mit der Zensur !
    Date: 13 Jan 1998
    Message-ID: <19980113211700.QAA19416@ladder01.news.aol.com>
  11. From: n.marzahn@BBrandes.in-brb.de (Norbert Marzahn)
    Subject: Re: Verschwoerung - Fakten
    Date: Thu, 21 May 98
    Message-ID: <6uGLuyfJ-ZB@nm01.bbrandes.in-brb.de>

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© Jürgen Langowski 2017