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Der Korherr-Bericht

Eine Statistik der Vernichtung

Irgendwann im Jahr 1940 hielt Heinrich Himmler es für notwendig, die Zahlen zu überprüfen, die ihm von seinen Mitarbeitern unterbreitet wurden. Er forderte aus dem Innenministerium den Versicherungsmathematiker Dr. Richard Korherr an, der von Ende 1940 an statistische Daten zusammenstellte, ab 1942 vor allem auch zur "Endlösung der Judenfrage", oder, genauer, zur Dezimierung der jüdischen Bevölkerung im Einflussbereich der Nazis.

Diese Daten wurden im Externer LinkKorherr-Bericht zusammengefasst und Himmler vorgelegt. Korherr "galt als Technokrat, der ganz in seiner Arbeit aufging" (Enzyklopädie des Holocaust, S. 800), und der Historiker Reitlinger bezeichnet Korherrs Bericht als "vollkommen objektiv" (Endlösung, S. 559) und hält ihn für eine ausgezeichnete Quelle.

Eichmann bestätigte bei seinem Prozess in Jerusalem, wie nützlich der "Korherr-Bericht" bei der Planung der "Endlösung" für ihn war, denn mit der Hilfe dieser Daten konnte er Transportkapazitäten, das benötige Personal und die aus seiner Sicht jeweils günstigsten Zielorte der Deportationen bestimmen (vgl. Enzyklopädie, a.a.O).

Später, nach dem Zusammenbruch des Naziregimes, behauptete Korherr zwar, er hätte nichts von den Massentötungen gewusst, und die Zahlen wären übertrieben; Reitlinger machte an der erwähnten Stelle jedoch deutlich, dass die Angaben in Wirklichkeit sehr zuverlässig sind.

Der letzte Absatz des Korherr-Berichts ist besonders interessant, weil er eine Formulierung enthält, die auf raffinierte Weise zweideutig und dennoch entlarvend ist:

Insgesamt dürfte das europäische Judentum seit 1933, also im ersten Jahrzehnt der nationalsozialistischen Machtentfaltung, bald die Hälfte seines Bestandes verloren haben. Davon ist wieder nur etwa die Hälfte, also ein Viertel des europäischen Gesamtbestandes von 1937, den anderen Erdteilen zugeflossen.

Korherr-Bericht[1]

Die Hälfte des Judentums war also "verloren", davon wieder die Hälfte durch Auswanderung. Ein Viertel der europäischen Juden hatte demnach Europa verlassen, ein weiteres Viertel hatte Europa aber nicht verlassen und galt dennoch als "verloren".

Wenn jemand "verloren" ist, dann kann das heißen, er ist nicht mehr da. Für die erste Gruppe - die der Auswanderer - ist das zweifellos richtig. Sie waren für das europäische Judentum "verloren", weil sie Europa verlassen hatten.

Bei der zweiten Gruppe bekommt das Wort "verloren" allerdings eine ganz andere Bedeutung. Die Nazis verfolgten etwa ab 1940 die Politik, die Juden an möglichst wenigen Punkten in großen Ghettos zu konzentrieren. Diese Konzentration war eine aus logistischer Sicht sinnvolle Vorstufe der Vernichtung. Die Ghettos wurden scharf überwacht, und wer das Ghetto ohne Erlaubnis verließ, konnte auf der Stelle erschossen werden.

Ende 1942 hatten die Nazis fast ganz Europa besetzt, und aus allen Ländern wurden Juden deportiert. Natürlich geschah dies unter strenger Aufsicht der Nazis, denn es war Krieg, und Hitlers Truppen mussten jederzeit mit Feindseligkeiten und Sabotage rechnen.

Wie sollen die Nazis nun ausgerechnet in dieser Zeit, in der die Juden strengstens beaufsichtigt wurden, ein Viertel aller europäischen Juden - wir reden hier über Millionen von Menschen - einfach "verloren" haben? Das ist undenkbar, denn die Nazis hatten sich ja gerade - ganz im Gegenteil - große Mühe gegeben, alle Juden zu finden und in ihre Gewalt zu bekommen.

Das Wort "verloren" muss hier in seiner anderen Bedeutung verstanden werden. "Verloren" kann hier nichts anderes heißen, als dass die Menschen gestorben sind.

Es mag lächerlich und übertrieben pedantisch scheinen, wenn ich diesen Punkt derart ausführlich betone und begründe, aber angesichts der Interpretationsakrobatik, zu der die Holocaust-Leugner manchmal neigen, hielt ich es für notwendig, von vornherein dem Einwand den Wind aus den Segeln zu nehmen, einige Millionen Juden wären tatsächlich "verloren" worden, wie man ein Taschentuch verliert, und beispielsweise heimlich nach Asien entkommen - womöglich aus streng bewachten Ghettos heraus und an der deutsch-russischen Front vorbei; vielleicht nicht unbedingt zu Fuß, denn wir reden hier über Tausende von Kilometern, aber eventuell doch irgendwie unbemerkt in den Zügen, die nach Osten zur Front gefahren sind.

Was hier wie ein geschmackloser Scherz klingt, ist bitterer Ernst. Es gibt tatsächlich Holocaust-Leugner, die behaupten, in Sibirien wären Millionen von Juden "aufgetaucht". Wenn sie aber dort aufgetaucht sein sollen, dann müssen sie vorher unter den gerade eben umrissenen Bedingungen nach Sibirien geflohen sein - und das würde voraussetzen, dass sie im Sinne der ersten Bedeutung des Wortes "verloren" wurden, dass sie also einfach verschwunden sind.

Das ist natürlich absurd. Die richtige und viel einfachere Erklärung für die "verlorenen" Juden ist die, dass sie erst in Ghettos konzentriert und dann in Zügen in die Vernichtungslager befördert und ermordet worden sind.

Korherr war die Situation in Europa bekannt, und ich bin überzeugt, dass Korherr die zweideutige Formulierung absichtlich verwendet hat, um mit einem Wort beide Gruppen gleichzeitig zu erfassen: Die eine Gruppe, die "verloren" wurde, weil sie auswandern konnte, und die andere Gruppe, die "verloren" war, weil die Menschen ermordet worden sind.

Wenn Korherr durchblicken lässt, dass diese Menschen innerhalb von Europa unter strengster Aufsicht der Nazis "verloren" wurden, dann kann dies nur bedeuten, dass sie gestorben sind - und zwar in genau den Vernichtungslagern, von denen Korherr nichts gewußt haben will.





Quelle:

  1. Korherr-Bericht, Kurzfassung, letzter Absatz

Siehe auch:

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© Jürgen Langowski 2017