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Erhard Sanio über Ilja Ehrenburg

"... konnte er ... nichts anderes als eine Hassfigur sein."

Ilja Ehrenburg
Ilja Ehrenburg

Der russische Propagandist Ehrenburg wird von Neonazis oft als Beleg für die These genannt, die Juden wären nur darauf aus, Deutschland zu schaden.

Als Antwort auf diese Unterstellung hat Erhard Sanio im Mai 1996 einen Usenet-Artikel geschrieben, der im Folgenden dokumentiert wird.



From: sanio@netmbx.netmbx.de (Erhard Sanio)
Newsgroups: de.soc.kultur,de.soc.politik,soc.culture.german
Subject: Ilja Ehrenburg, was: Re: GOLDHAGEN
Date: 25 May 1996 20:33:32 GMT
Message-ID: <4o7qqs$6jl@unlisys.unlisys.net>


In-Reply-To: Message-ID: <4nsu33$s5n@nz12.rz.uni-karlsruhe.de>
         by: <eMail uoni@rz.uni-karlsruhe.de> (Arne Jacobsen)

Hallo Arne,

Horst Kleinsorg (hk@annap.infi.net) wrote:
[ .. ] 
Ich schenke mir Kommentare zu Kleinsorgs Dreck. Der Typ kommentiert
sich selbst.

Allerdings aergert es mich stets, wenn der Name des bedeutenden sowjetischen
Schriftstellers Ehrenburg von Kreaturen dieser Sorte in den Dreck gezogen
wird. Als Kommunist, Jude und Schriftsteller von Rang konnte er fuer die
Nazis - schon zu Zeiten des 2. Weltkriegs - nichts anderes als eine 
Hassfigur sein.

Um eines klarzustellen: Der angebliche Aufruf Ehrenburgs, deutsche
Frauen zu vergewaltigen, ist wahrscheinlich im November 1944 vom 
Reichspropagandaministerium fabriziert und in einem Tagesbefehl des 
AOK Nord sowie vom Stab Doenitz verbreitet worden, und zwar stets
als Zitat, in indirekter Rede und als Berufung auf ein angebliches
Flugblatt oder in einigen Versionen als einen angeblichen Artikel in 
der Prawda oder der Krasnaja Svjesda. Die letzteren Behauptungen
werden praktisch nur noch in Nazi- und Vertriebenenverbandskreisen
kolportiert, da sie nachweisbar falsch sind: Die Zeitungen befinden
sich vollstaendig als Originale oder Mikrofilm in zahlreichen Archiven,
z.B. der Osteuropasammlung der Bayerischen Staatsbibliothek.
Diese widerlegte u.a. in einem Schreiben vom 29.10.1961 Luegen der
rechtsradikalen und Vertriebenenpresse ueber einen angeblichen Aufruf
des bekannten Inhalts in der Prawda. Von dem oder den angeblichen 
Flugblaettern hat sich auch nie eine Spur gefunden.

Ehrenburg hat uebrigens schon 1944 von der Verleumdung erfahren und sie 
in einem an die Krasnaja Svjesda gerichteten Brief wie folgt kommentiert:
"Frueher einmal haben die Deutschen Staatsdokumente gefaelscht. Jetzt
sind sie soweit, meine Artikel zu faelschen. Die Zitate, die der deutsche
General mir zuschreibt, verraten den Verfasser nur zu deutlich."
Diesen Artikel kann man nachlesen.

Ehrenburg hat waehrend des Krieges eine Reihe von Aufrufen an die Rote
Armee verfasst. In einigen davon hat er in bedenklicher Form zu Hass
und zum Toeten der Eindringlinge aufgerufen. Darin fanden sich so wenig
geschmacksfeste Formulierungen wie: " .. Fuer unsere Soldaten gibt es
nichts Lustigeres als deutsche Leichen ..", wobei sich all dies aber
unmissverstaendlich auf die eingedrungenen Soldaten bezog und nicht auf
irgendwie geartete Plaene der Eroberung des Reiches. Ueberdies war der
Aufruf "Toete" nicht schlimmer als andere blutruenstig-patriotische
Aufrufe in anderen Laendern zu aehnlichen Gelegenheiten.
Es gab allerdings einen Unterschied zu den Entgleisungen von Poeten
etwa zu Beginn des Ersten Weltkriegs.
Der Aufruf war entstanden unter dem Eindruck der ersten Wochen des
deutschen Ueberfalls und der unglaublichen Massenmorde an sowjetischen 
Juden, ueber die Ehrenburg zusammen mit Vassilij Grossmann das (erst
vor kurzem veroeffentlichte) Schwarzbuch mit Zeugnissen von Augenzeugen
ueber die Verbrechen niederschrieb.

Ehrenburg schrieb in jenen Jahren des Krieges auch folgendes (auch fuer
die Rote Armee): "Europa traeumte von der Stratosphaere - jetzt muss es 
wie ein Maulwurf in Kellern und Erdloechern haeusen. Nach dem Willen
Hitlers und seiner Schergen hat sich das Jahrhundert verfinstert. Wir
hassen die Deutschen nicht nur, weil sie niedertraechtig und gemein 
unsere Kinder morden, wir hassen sie auch deshalb, weil uns von allen
Worten, die den Menschen zu eigen sind, nur das eine geblieben ist:
Toete! Wir hassen die Deutschen deshalb, weil sie das Leben bestohlen
haben."
Und in einem Artikel mit dem Titel "Rechtfertigung des Hasses" (Krasnaja
Svjesda, Sommer 1942):
" .. Unsere Menschen traeumen nicht von Rache. Nicht dafuer haben wir unsere 
Juenglinge erzogen, damit sie auf die Ebene Hitlerscher Gewalttaten herab-
sinken. Niemals werden Rotarmisten deutsche Kinder toeten, das Goethehaus
in Weimar anstecken oder die Bibliothek in Marburg zerstoeren. Rache
bedeutet, dass man Gleiches mit Gleichem vergilt, dass man die Sprache
des Feindes zu sprechen sich anschickt. Wir aber haben mit den Faschisten
keine Sprache gemein. .."
Das sind die Worte eines beleidigten Humanisten, nicht eines Gewaltpredigers.

Nun ist der Krieg eine Weile vorbei, fuer die unverschaemten Verleumdungen,
die Goebbels und seine Kreaturen ebenso wie Doenitz und andere Verbrecher
gegen Ehrenburg schleuderten, kann und soll man die heute lebenden jungen
Deutschen nicht verantwortlich machen. Dass die alten und neuen Nazis nie
aufgehoert haben, ihre dreckige Mischung aus Antisemitismus und Antikom-
munismus zu verbreiten, versteht sich.

Das literarische Werk von Ehrenburg ist (jedenfalls in Deutschland) im
Moment nur antiquarisch erhaeltlich. Lesenswert sind seine zahlreichen
Romane und Essays - meist in einem distanziert-ironischen Stil gehalten -
auf jeden Fall. Ehrenburg hat sich schon als Schueler politisch betaetigt,
wurde dafuer inhaftiert und lebte bis 1917 als Emigrant in Paris. Er hat
in seinem Leben eine unglaubliche Zahl der bedeutendsten Gestalten des
europaeischen Kulturlebens dieses Jahrhunderts kennengelernt. Hiervon
legt seine 1962  und 1965 auch in der BRD erschienene Autobiographie
"Menschen, Jahre, Leben" (Ljudi, gody, shisn) Zeugnis ab ebenso wie 
von den beiden Weltkriegen, dem Spanischen Buergerkrieg (hier fasziniert
Ehrenburgs freundliche Schilderung der katalanischen Anarchisten) und
der Epochenwende, die der Sturz Berijas und die Entstalinisierung fuer
die UdSSR bedeuteten. Ehrenburgs Roman "Tauwetter" markierte diesen
Wendepunkt. Seine Autobiographie ist ein einzigartiges Zeugnis unseres
Jahrhunderts und jenseits politischer Ablehnung oder Zustimmung mehr
als nur lesenswert.

Ehrenburg war kein Dissident, wohl aber ein distanziert-kritischer
Intellektueller, der seine Freunde Isaak Babel, Boris Pasternak und
Vasilij Grossmann auch verteidigte, als sie verfolgt wurden und der
waehrend der Kampagne gegen das "Kosmopolitentum" in grosse Schwierig-
keiten geriet.

Dass Kleinsorg gegen jeden Juden hetzt und darueber hinaus fanatischer
Antikommunismus fuer jeden Nazi typisch ist, verwundert und erschreckt
mich eigentlich nicht. Dass allerdings aus einem Posting von Erika
Schelby zu entnehmen war, dass die dreckigen Goebbelsluegen in einem
US-Buch von 1995 (Naimark) unkritisch wiedergekaeut werden, ist eher
niederschmetternd. Ehrenburg hatte recht, als er schrieb, dass der 
Faschismus nicht unter den Opfern des Krieges zu finden war ..

regards, es
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© Jürgen Langowski 2017